Wenn KI entscheidet, welche Marken sichtbar sind
- März 04, 2026
- by
- Michael Dunker
Warum Unternehmen ihre Brand Voice im Zeitalter von AI Overviews und LLMs neu denken müssen
Inhalt
- 1 Warum Unternehmen ihre Brand Voice im Zeitalter von AI Overviews und LLMs neu denken müssen
- 2 Von Rankings zu Empfehlungen
- 3 Die stille Veränderung der Suchergebnisse
- 4 Warum mehr Content nicht die Lösung ist
- 5 Marken müssen maschinenlesbar werden
- 6 Die nächste Disziplin im Marketing
- 7 Die neuen Kennzahlen der Sichtbarkeit
- 8 Die eigentliche Herausforderung für Unternehmen
Wir erleben gerade eine der größten Veränderungen im digitalen Marketing seit der Einführung von Google. Und erstaunlich viele Unternehmen merken es noch gar nicht.
Über Jahre hinweg war die Logik relativ klar: Wer bei Google gut rankt, bekommt Traffic. Wer Traffic bekommt, generiert Leads, Kunden und Umsatz. Ganze Organisationen haben sich um diese Mechanik herum aufgebaut – SEO-Teams, Content-Abteilungen, Performance-Marketing.
Doch diese Logik beginnt gerade zu kippen.
Mit AI Overviews, generativer Suche und großen Sprachmodellen wie ChatGPT, Gemini oder Claude entsteht ein neues Interface zum Internet. Der Nutzer stellt eine Frage – und bekommt direkt eine Antwort. Ohne zehn blaue Links. Ohne klassische Suchergebnisse. Oft sogar ohne überhaupt noch auf eine Website klicken zu müssen.
Für Nutzer ist das bequem. Für Marken verändert es die Spielregeln komplett. Denn in diesen Antworten tauchen meist nur wenige Quellen oder Marken auf. Und genau dort entscheidet sich künftig digitale Sichtbarkeit.
Von Rankings zu Empfehlungen
Die zentrale Frage im Marketing verändert sich gerade fundamental.
In der alten Welt lautete sie:
Wo ranken wir bei Google?
In der neuen Welt lautet sie:
Werden wir von KI-Systemen überhaupt erwähnt?
Oder noch präziser: Wird unsere Marke empfohlen? Das klingt zunächst nach einer kleinen Verschiebung, ist in Wahrheit aber ein komplett anderes Spielfeld. Rankings konnte man relativ gut analysieren und beeinflussen. Empfehlungen durch KI funktionieren anders. Sie entstehen aus einem komplexen Zusammenspiel von Daten, Quellen, Struktur und Vertrauen. Das bedeutet: Sichtbarkeit wird künftig weniger über Positionen in Suchergebnissen entschieden – sondern darüber, ob eine Marke Teil der generierten Antwort ist.
Die stille Veränderung der Suchergebnisse
Mit den neuen AI Overviews beantwortet Google viele Fragen direkt auf der Suchergebnisseite. Auch Systeme wie ChatGPT oder Perplexity liefern fertige Antworten statt klassischer Linklisten. Der Effekt ist relativ offensichtlich: Nutzer müssen immer seltener klicken.
Erste Studien und Marktbeobachtungen zeigen bereits, dass die Klickrate auf klassische Suchergebnisse in vielen Bereichen sinkt. Der Traffic verteilt sich nicht mehr gleichmäßig über die Top-10-Ergebnisse, sondern konzentriert sich auf wenige Marken, die in der generierten Antwort vorkommen. Für viele Unternehmen ist das eine stille Veränderung. Sie passiert schleichend. Der Traffic sinkt nicht über Nacht dramatisch, sondern langsam. Aber er sinkt. Und irgendwann stellt man fest, dass die eigene Marke in der digitalen Wahrnehmung kaum noch vorkommt.
Warum mehr Content nicht die Lösung ist
Viele Unternehmen reagieren auf diese Entwicklung reflexartig mit dem, was sie kennen: mehr Content produzieren.
Noch mehr Artikel.
Noch mehr Landingpages.
Noch mehr SEO-Texte.
Das Problem ist nur: Generative Systeme funktionieren nicht wie klassische Suchmaschinen. Sie bewerten Inhalte nicht einfach nach Keywords oder Links. Sie aggregieren Informationen aus vielen Quellen und versuchen daraus eine möglichst plausible Antwort zu generieren. Dabei bevorzugen sie Inhalte, die konsistent sind, klar formuliert und von vertrauenswürdigen Quellen stammen.
Wenn Aussagen widersprüchlich sind oder eine Marke an verschiedenen Stellen unterschiedlich beschrieben wird, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass diese Informationen in einer Antwort auftauchen. Das eigentliche Problem vieler Unternehmen ist deshalb nicht die Menge an Content. Es ist die Struktur der Informationen.
Marken müssen maschinenlesbar werden
Damit KI-Systeme eine Marke überhaupt sinnvoll einordnen können, braucht es etwas, das ich gerne als „maschinenlesbare Markenarchitektur“ bezeichne. Das bedeutet im Kern: Eine Marke muss im Netz so konsistent und klar beschrieben sein, dass auch eine Maschine versteht, wofür sie steht.
In der Praxis ist das erstaunlich selten der Fall. Viele Unternehmen hinterlassen im Netz ein diffuses Bild. Unterschiedliche Beschreibungen auf verschiedenen Plattformen, wechselnde Claims, widersprüchliche Aussagen über Produkte oder Positionierung.
Für Menschen ist das schon nicht optimal. Für Maschinen wird es schnell unverständlich. Large Language Models greifen auf viele Quellen gleichzeitig zu. Wenn diese Quellen ein klares, konsistentes Bild zeichnen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Marke in einer Antwort auftaucht. Wenn nicht, wird sie einfach übergangen.
Die nächste Disziplin im Marketing
Ich glaube deshalb, dass sich gerade eine neue Disziplin im Marketing entwickelt. Sie geht über klassisches Content Marketing hinaus. Man könnte sie „Authority Engineering“ nennen. Dabei geht es darum, systematisch eine Markenautorität aufzubauen, die von KI-Systemen erkannt wird. Nicht nur durch einzelne Inhalte, sondern durch eine konsistente Struktur aus Narrativen, Expertenstimmen, validierten Aussagen und externen Referenzen.
Im Grunde entsteht so etwas wie ein Wissensraum rund um eine Marke. Je klarer dieser Wissensraum definiert ist, desto einfacher fällt es KI-Systemen, ihn zu verstehen und zu zitieren. Und genau darum geht es letztlich: Zitierfähigkeit.
Die neuen Kennzahlen der Sichtbarkeit
Mit dieser Entwicklung verändern sich auch die relevanten Metriken. Während früher Rankings und Klickrate im Mittelpunkt standen, werden künftig andere Fragen wichtiger. Zum Beispiel: Wie häufig wird eine Marke in KI-Antworten erwähnt? Welche Wettbewerber tauchen häufiger auf? Werden zentrale Markenbotschaften übernommen oder ignoriert?
Diese Art von Kennzahlen steckt noch in den Kinderschuhen, wird aber in den kommenden Jahren eine zentrale Rolle spielen. Denn sie zeigen, ob eine Marke im KI-Zeitalter überhaupt noch Teil der digitalen Antwort ist.
Die eigentliche Herausforderung für Unternehmen
Viele Unternehmen stellen sich derzeit die falsche Frage. Sie fragen: Wie optimiere ich meinen Content für KI? Die wichtigere Frage lautet jedoch: Wie baue ich eine Marke, die von KI als vertrauenswürdige Quelle erkannt wird? Das ist keine rein technische Aufgabe. Es ist eine strategische Herausforderung, die Marketing, Kommunikation, PR, Content und Technologie zusammenführt. Wer diese Herausforderung ernst nimmt, hat eine gute Chance, auch im Zeitalter generativer Suche sichtbar zu bleiben.
Wer sie ignoriert, wird irgendwann feststellen, dass die eigene Marke aus der Antwort verschwunden ist.
Michael Dunker ist Journalist und Unternehmer aus Bremen. Startete als BILD-Reporter, ging 1997 zu ComputerBILD, wurde stellv. Chefredakteur und Leiter einer Entwicklungsredaktion. 2008 gründete er die Marketing Agentur Testroom, verkaufte sie 2019 an Ströer und fusionierte Testroom mit der Ströer-Tochter Content Fleet, deren geschäftsführender Gesellschafter Dunker jetzt ist.
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