Die schweigende Masse
- März 09, 2026
- by
- Michael Dunker
Wie Führungskräfte mehr Menschen zum Motor machen – und warum das unbequemer ist, als es klingt.
Inhalt
Wer den letzten Artikel gelesen hat, weiß: Die meisten Organisationen hängen an 20 Prozent ihrer Menschen. Die naheliegende Frage lautet: Wie ändere ich das? Die naheliegende Antwort lautet: Nimm den 20 Prozent Aufgaben weg und gib sie den anderen.
Das funktioniert nicht. Nicht weil die Idee falsch ist. Sondern weil sie zu früh kommt. Wer Verantwortung an Menschen übergibt, die nie gelernt haben, sie zu tragen – oder die es längst verlernt haben – überfordert sie. Und bestätigt damit genau das Vorurteil, das er überwinden wollte: Die können das nicht.
Zuerst: Drei Gruppen, nicht eine
Die schweigende Mehrheit ist keine homogene Masse. Das ist der erste Fehler, den Organisationen machen. Wer alle gleich behandelt, verliert alle.
Gruppe 1: Die Verlernten.
Sie konnten es mal. Oder hätten es gekonnt. Aber die Organisation hat ihnen systematisch abtrainiert, Verantwortung zu übernehmen. Jede Initiative, die ins Leere lief. Jede Entscheidung, die still wieder rückgängig gemacht wurde. Jede gute Idee, die niemanden interessierte. Sie haben aufgehört – nicht aus Faulheit, sondern aus Schutz. Diese Menschen reagieren am schnellsten auf echten Freiraum und echte Sicherheit. Wenn sie merken, dass Eigeninitiative diesmal nicht bestraft wird, kommen viele zurück.
Gruppe 2: Die Nie-Gelernten.
Sie wollen. Aber niemand hat ihnen je gezeigt, wie Entscheidungen getroffen werden. Wie man ein Problem strukturiert. Wie man Verantwortung trägt, ohne alles alleine lösen zu müssen. Das ist kein Versagen dieser Menschen. Das ist ein Versagen der Organisation, die nie in sie investiert hat. Sie brauchen keine Motivation. Sie brauchen Begleitung. Konkret, geduldig, wiederholt.
Gruppe 3: Die Strukturell-Falschen.
Es gibt sie. Menschen, bei denen weder Freiraum noch Begleitung etwas verändern wird. Nicht weil sie schlechte Menschen sind. Sondern weil diese Rolle, diese Organisation, dieses Tempo nicht zu ihnen passt. Die ehrliche Führungsaufgabe besteht darin, diese drei Gruppen zu unterscheiden – und dann unterschiedlich zu handeln. Wer das nicht tut, investiert Energie in Menschen, bei denen sie nicht wirkt. Und vernachlässigt die, bei denen sie etwas verändern könnte.
Was konkret hilft – und was nicht
Was nicht hilft: Motivationsworkshops. Neue Leitbilder. Townhalls, in denen Empowerment verkündet wird. Kulturinitiativen, die im mittleren Management versanden. Das alles kostet Zeit und ändert nichts – weil es am Symptom ansetzt, nicht an der Ursache.
Was hilft:
- Entscheidungsräume sichtbar machen. Nicht als Statement – sondern als konkrete Abgrenzung. Wer darf was entscheiden, ohne zu fragen? Bis zu welcher Größenordnung? In welchen Themen? Solange das unklar ist, fragt jeder lieber nach. Das ist nicht Unselbstständigkeit – das ist rationales Verhalten in einem unklaren System. Klarheit schafft Mut. Nicht umgekehrt.
- Fehler entkriminalisieren. Das ist keine Kulturfrage. Das ist eine Verhaltensfrage. Die entscheidende Frage lautet: Was passiert in dem Moment, wenn jemand eine Entscheidung trifft und sie geht schief? Wenn die Antwort „Kritik, Öffentlichkeit, Rückzug der Verantwortung“ ist – dann wird niemand mehr freiwillig entscheiden. Wenn die Antwort „Was haben wir gelernt?“ ist – dann entscheiden Menschen das nächste Mal wieder. Führungskräfte zeigen durch ihr Verhalten in diesen Momenten, was die echten Regeln sind. Nicht durch ihr Leitbild.
- Aufgaben bewusst übergeben – mit Begleitung, ohne Rückfalloption. Nicht: „Du darfst das jetzt auch machen.“ Sondern: „Das ist jetzt deine Aufgabe. Ich bin als Sparringspartner da. Aber die Entscheidung triffst du.“ Der Unterschied ist entscheidend. Die erste Version lädt zurück zur Abgabe ein. Die zweite nicht. Und ja – das bedeutet, dass die 20 Prozent diese Aufgabe loslassen müssen. Auch wenn der neue Träger es zunächst langsamer oder anders macht.
- Neue Menschen in die Struktur bringen. Manchmal braucht es Vorbilder von außen. Menschen, die zeigen, dass Eigeninitiative möglich ist. Die nicht durch die Geschichte der Organisation geprägt sind. Die nicht wissen, dass „man das hier nicht so macht“. Nicht um die bestehende Belegschaft zu ersetzen. Sondern um das Bild dessen zu verschieben, was möglich ist. Ein Mensch, der anders handelt und dafür nicht bestraft wird, verändert die Erwartung aller anderen.
Der härteste Teil
Das alles klingt handhabbar. Und ist es auch – in der Theorie. In der Praxis scheitert es meistens nicht an den Methoden. Es scheitert daran, dass Führungskräfte selbst loslassen müssen. Kontrolle. Entscheidungshoheit. Das Gefühl, gebraucht zu werden. Viele Führungskräfte sind selbst Teil der 20 Prozent. Sie haben ihre Position dadurch erreicht, dass sie mehr getragen haben als andere. Das Loslassen fühlt sich falsch an. Es fühlt sich nach Kontrollverlust an. Nach Risiko. Aber genau das ist die Führungsaufgabe, die jetzt ansteht. Nicht mehr alles selbst entscheiden. Sondern andere befähigen, es zu tun. Nicht mehr der Beste im Raum sein. Sondern der Raum sein, in dem andere besser werden.
Und die, die nie mitziehen werden?
Klar und direkt: Die gehören nicht in eine Organisation, die sich transformiert. Das ist keine Frage der Würdigung ihrer Vergangenheit. Viele haben jahrelang gute Arbeit geleistet – in einem System, das genau das von ihnen wollte. Aber das System ändert sich. Und wer sich nicht ändern kann oder will, bremst alle anderen. Die größte Ungerechtigkeit gegenüber einer Belegschaft ist es, Unbeweglichkeit zu tolerieren – auf Kosten derer, die sich wirklich bewegen wollen. Das ist eine unbequeme Aussage. Aber sie ist ehrlich.
Und Organisationen, die das nicht klar kommunizieren, zahlen den Preis: Die Verlernten und die Nie-Gelernten sehen, dass es keine Konsequenzen gibt – und passen ihr Verhalten entsprechend an.
Mehr Menschen zum Motor machen ist möglich. Aber es beginnt nicht mit einem Workshop. Es beginnt damit, dass Führungskräfte ehrlich benennen, womit sie es zu tun haben. Die Veränderung anstoßen. Und dann loslassen.






